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Coming Out

Nein, ich bin nicht schwul. Ich bin depressiv. Ja, ich weiß. Gerade erst im letzten Artikel hab ich mich noch ausführlich mit der Frage beschäftigt, wo Depression beginnt und warum das auf mich nicht ausreichend zutrifft. Jetzt behaupte ich das Gegenteil. Wahnsinnig konsequent. Der Knackpunkt ist aber, dass man schlicht nicht auf die Idee kommt, eventuell depressiv zu sein, wenn einem das Umfeld ständig erzählt, dass man es sich nur selbst unnötig schwer macht. Ich bin zwar von Zeit zu Zeit zu entsprechenden Ärzten gegangen, um nach Antworten zu suchen, dabei kam aber nie etwas raus.

Ich hatte mich also daran gewöhnt, selbst schuld an meinen Problemen zu sein. Denn ich hatte ja nicht genug Durchhaltevermögen. Mich selbst runtergezogen. „Es ist eine Frage der inneren Einstellung!“ Schon klar, bis zu einem gewissen Punkt mag das auch stimmen. Aber darüber hinaus übersteigt das nun mal den körpereigenen Energiehaushalt. Und wir alle wissen doch was passiert, wenn man zu lange über seine Verhältnisse lebt. Und da ich es mir nicht leisten kann, in der aktuellen Häufigkeit für mehrere Monate auszufallen –und ich selbst als Ursache meines Problems ausscheide, da ich alles versuchte, wozu ich imstande war–, habe ich entgegen der Ratschläge vieler weiterhin nach Antworten gesucht. Und schlussendlich auch eine gefunden, die vieles erklären würde, träfe sie zu (wovon wir jetzt mal ausgehen): Depression.

„Nanu, sowas. Der Mann ist depressiv? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Der ist doch immer so klar im Kopf, kommt immer zurecht. Hat zwischendurch vielleicht mal ’ne schlechte Woche, aber wer hat die nicht? Stattdessen könnte er mal etwas mehr Eigeninitiative zeigen und lebensbejahender sein!”

Am Arsch, ihr Ficker. Sorry für den Kraftausdruck, aber irgendwann bin ich es schlicht leid. Und hier traue ich mich, so deutlich zu werden, weil ich nicht Gefahr laufe irgendwen zu beleidigen, sondern gezielt auf dieses Meinungsbild reagieren kann. Natürlich bin ich bemüht, Impulse rauszulassen. Natürlich will ich „ich selbst” sein. Mein „Selbst” rauslassen. Aber wenn ich dies tue, bin ich automatisch ein äußerer Einfluss auf die Menschen in meiner Umgebung. Und da beginnen die Gedankenkreise, die mich bereits mein Leben lang blockieren.

Ich beeinflusse dich. Beeinflussung wirkt manipulativ. Ich nehme dir Gestaltungsfreiheit. Besser, ich halte mich halte mich zurück und versuche, deine Planung so wenig wie möglich durcheinanderzubringen.

Mir ist schon klar, dass dieses Gedankengut nicht viel mit der Realität gemeinsam hat. Dennoch muss ich jeden Tag aufs Neue dagegen angehen und besonders jene Situationen mit Abstand betrachten, welche dieses Gedankenmuster auf eine negative Art und Weise zu bestätigen scheinen.

Siehste, ich hab’s ja gewusst. Wärst du für diesen Menschen irrelevant geblieben, hättest du nicht so ein Chaos veranstaltet. Irrelevanz ist das kleinere Übel – da leidest nur du. 

An dieser Stelle sei nochmal kurz erwähnt, dass ich das nicht anspreche, um Mitleid zu bekommen oder ähnliches. Ich will lediglich für das Thema Depression sensibilisieren.

Abschließend sei noch gesagt, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit zu der Erkenntnis gelangt bin, dass man –wenn man sich in den entscheidenden Momenten darauf einlässt– eines Tages, der am Morgen noch aussieht wie jeder andere, plötzlich einem Menschen begegnet, bei dem man sich wider Erwarten angekommen fühlt; dieser Mensch wirkt wie eine andere Form der Therapie. Wie die Kur für zuhause. Und das ist genau so, wie ich immer dachte, dass es sein wird – schöner, als ich es mir je hätte vorstellen können.

  1. Glückwunsch! Nicht zur Depression, sondern zur Entwicklung. Und zur Liebe!

  2. Depression in ihrer milden wie schärferen Form ist gar nicht so selten und ereilt wahrscheinlich die meisten Menschen irgendwann im Laufe des Lebens. Glückwunsch zum archimedischen Punkt, um das Universum daran aushebeln zu können. 🙂

  3. Ich habe vieles von dem, was Du beichtest auch so oder ähnlich erlebt. Die Depressionen sind bei mir ebenfalls erst nach sehr langer Zeit identifiziert worden. Zum Teil vielleicht aus ähnlichen Gründen wie bei dir. Mir gefällt, dass Du jetzt hier mit Deinem Blog dazu beiträgst, das Verständnis für dieses Krankheitsbild zu fördern, die Menschen zu sensibilisieren. Alles gute Dir! Lieben Gruß, Jo 🙂

    • Danke! Bei mir hat es wohl einfach so lange gedauert, weil niemand die Möglichkeit in Betracht gezogen hat. Und gesellschaftlich ist das nun ein Thema, über das ich hier definitiv mal reden musste und noch reden werde. ?

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