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Negatives Denken ist gesellschaftlich nicht anerkannt

Sei einer von vielen. Weiche nicht ab. Tu, was man dir sagt, ohne zu fragen. Habe eine eigene Meinung, die sich aber gut mit der gesellschaftlichen Meinung verträgt. Habe keine Probleme. Probleme kosten. Sei motiviert. Sei produktiv. Denke nicht negativ. Denn das wird nicht gerne gesehen.

Wie im Vorwort schon angedeutet, fühle ich mich in vielen Dingen bevormundet. Was mir stark missfällt. Denn ich habe gerne eine eigene Meinung. Nach deren Vorbild ich mich auch verhalte. Was eigentlich kein Problem ist. Meine ich. Denn meine Meinung ist nicht rassistisch, frauen- oder männerfeindlich, richtet sich nicht gegen homo-/ bi-/ wasauchimmerfürsexuelle Menschen und missachtet auch nicht die Würde von Behinderten – körperlich wie geistig – oder von in die Jahre gekommenen Wracks. Wie bitte? „Wrack“ ist entwürdigend? Finde ich nicht. Die Bezeichnung eines Menschen als Wrack sagt lediglich aus, dass dessen Körper viele/alle seiner Aufgaben entweder gar nicht oder nur noch mit Hilfe bewältigen kann. Er funktioniert also nicht mehr richtig. Glücklicherweise ist aber die Würde des Menschen nicht an seine Funktionalität gekoppelt. …Ich wollte eigentlich über die unvorteilhafte Position des negativen Denkens in der Gesellschaft schreiben, oder? Jetzt bin ich in Richtung der eigenen Meinung abgedriftet. Verdammt. Ahm… Letzte Woche habe ich ja die Bedenken meiner Mutter zum Ausdruck gebracht. Ich würde mich überwiegend mit negativen Gedanken beschäftigen. Ja und? Es geht mir deutlich besser, seitdem ich nicht mehr versuche, jene möglichst schnell abzuhaken, nur um mich wieder der Sonnenseite des Lebens zuwenden zu können. Denn nichts ist abgeschlossen, nur weil du sagst, es sei abgeschlossen.

Und wenn etwas nicht abgeschlossen ist, solltest du es nicht ignorieren. Weil es dich sonst stetig und fortwährend auseinandernimmt. Unterm Strich erscheint es mir da sinnvoller, sich damit möglichst umfassend zu beschäftigen. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass ich das tue. Wobei umfassend natürlich relativ ist. Nachdem ich hier über etwas geschrieben habe, ist es natürlich auch nicht abgeschlossen. Es verhagelt mir aber nicht mehr meine Laune, was mir für den Moment vollkommen ausreicht.

Ich habe auch den Eindruck, dass meine Mutter nicht die Einzige ist, die bezüglich negativen Denkens skeptisch ist. Die ganze Gesellschaft scheint etwas dagegen zu haben. Was ich nachvollziehen kann. Die Gesellschaft denkt ja auch nicht zuende. Der Sinn ist nicht, während des Nachdenkens festzustellen, dass alles ganz grausam ist und dann in ein tiefes Loch zu fallen, sondern im Anschluss ans Denken Kritik zu äußern. Im Idealfall konstruktiv. Oder an einer Lösung arbeiten. Oder einfach mal mit jemandem über eventuelle negative Umstände und vielleicht damit verbundene Bedenken sprechen. Whatever. Aber mach‘ irgendwas. Totschweigen ist langfristig so ziemlich die dümmste Idee, die mir in den Sinn kommt. Dümmer noch als die Variante der Schwarzmalerei, bei der du wenigstens schnell den Bach runter gehst. Die langfristigen Auswirkungen hierbei sind aber ungewiss. Vielleicht geht es ja sogar recht schnell wieder bergauf. Irgendwann garantiert. Schließlich ist alles nur eine Phase, egal ob Höhenflug, Trauer, Stress etc. Es macht für mich also keinen Sinn, vorsätzlich zu verbergen, dass mir z.B. die meisten Vertreter meiner Generation ziemlich auf den Sack gehen.

Wie auch einmal im Theater. Schon klar, sie alle wollten eigentlich gar nicht dort sein, hatten aber keine Wahl, da dieses Stück in der Deutschprüfung für das Fachabitur eine gewisse Rolle spielen wird. Versteh‘ ich. Das Stück war auch eine Riesenenttäuschung. Fast noch schlimmer fand ich allerdings, dass fast die gesamte Schülerschaft kurz vor Beginn der Vorstellung und teilweise sogar während derselben ihre Aufmerksamkeit ganz dem Handy gewidmet haben. Davor, okay. Find‘ ich zwar nervig, ist aber mein Problem. Aber wenn auf der Bühne etwas vorgetragen wird, guckt man nach vorne und wartet mit Whatsapp mal die Stunde bis zur Pause ab. Bringt keinen um und tut auch nicht weh. Und man fragt nicht mittendrin den besten Bro, der 30 Plätze entfernt sitzt, ob er wirklich mit seiner Freundin Schluss gemacht hat. Ich bezweifle, dass dies tatsächlich Inhalt des Zwischenrufs war. Ich selbst habe davon nichts mitbekommen, da ich leider/zum Glück schwerhörig bin. Aber während der Vorstellung ruft man nur dazwischen, wenn man von den Schauspielern dazu aufgefordert wird. Sofern angemessen, darf man auch mal lachen. Sonst hält man die Klappe, sitzt einfach ruhig da und guckt sich das miserable Stück an. Oder man geht raus.

Ja, es gibt vieles, worüber ich mich aufregen kann. Deswegen mach‘ ich das von Zeit zu Zeit auch. Jetzt zumindest, in diesem Blog. Erscheint mir gesünder, als alles zurückzuhalten. Und nein, ich bin nicht suizidgefährdet oder kurz davor, zu einem Terroristen zu mutieren. Ich bin ein sehr lebensfroher Mensch. Das sieht man nur nicht immer, weil ich mir hierbei keine Mühe geben muss, es zurückzuhalten.

  1. Negatives Denken, das konstruktiv nach Lösungen sucht, ist kein negatives Denken. Negatives Denken ist: „Alles schlecht reden und in Frage stellen ohne eine Perspektive aufzuzeigen.“ Konkret, weil man so selten die Perspektive bereits kennt, zumindest die Frage zu stellen, wie es „anders, besser, mehr“ werden kann, wie das linke Schlagwort heißt. Es ist mehr oder minder eine Frage des „Der Ton macht die Musik“. 😉 Auch wer negativ denkt, kann produktiv und motiviert sein.
    Deshalb noch eine Bemerkung zum „Wrack“: Ein Wrack ist etwas, das seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Wenn du jemanden ein Wrack nennst, fällst du ein Urteil über ihn. Er taugt nichts mehr. Und weil es um Tauglichkeit geht, ist es ein Werturteil. Von daher, solange die Person sich selbst nicht als Wrack beschreibt, kann die Bezeichnung durchaus entwürdigend sein. Vielleicht erlebt sich die Person trotz körperlicher Disfunktionalität (auch kein wirklich brauchbarer Begriff) durchaus noch als ziemlich tauglich, nur eingeschränkt. Um mal dein negatives Denken negativ zu sehen und eine Perspektive aufzuzeigen, dass man sich „Abgewracktheit“ auch anders sehen kann als negativ. 🙂

    • Der Ton macht die Musik…Naja ich höre tendenziell eher düstere Musik, auch wenn zwischendurch gegenteiliges dabei ist^^ Und ich erwecke in meinem Umfeld offenbar auch den Eindruck, eine negativ ausgerichtete Denkweise zu haben 🙂
      Jaa..ich hätte sie wohl „körperliche Wracks“ nennen sollen. Und, mal nüchtern betrachtet, wie viel taugt denn jemand, der nur noch im Heim vor sich hinvegetiert? Der Wirtschaft schadet er nur. Sein Umfeld ist natürlich eine ganz andere Geschichte, da kann auch ein „körperliches Wrack“ noch vieles bewirken. Aber eben nicht körperlich. 🙂

      • Auch körperlich, denn er generiert Arbeit für Altenpflegepersonal. Darüber hinaus ist ein Körper wesentlich mehr als nur von ökonomischem Interesse, wie du richtig erkannt hast. Er taugt vielleicht nicht für schwere Arbeit. Aber er kann durchaus noch für Büroarbeit taugen. Das ist auch in der Ökonomie also nicht einfach. Ich kenne ein paar „körperliche Wracks“, die dir vehement widersprechen würden, dass ihr Körper nichts mehr taugt. Deine „nüchterne“ Betrachtung basiert wieder auf Werten, mit denen du ein Werturteil fällst.

        • Genau, er generiert Arbeit. Arbeit kostet. Ich merke auch, dass „körperliches Wrack“ wohl immernoch nicht genau genug definiert ist. 😀 Also der Zusatz „körperlich“ schließt – für mich zumindest – das Gehirn mit ein. Das Gehirn wird nach ein paar Jahrzehnten langsamer und macht es dem Menschen schwerer bis irgendwann unmöglich, auch Dinge wie Büroarbeit zu bewältigen. Unterm Strich heißt „Körperliches Wrack“ für mich: Nicht mehr arbeitsfähig, darf keinen Sport machen, nicht in der Lage der Wirtschaft von Nutzen zu sein. Dieser Mensch ist immernoch ein soziales Wesen und kann Einfluss auf sein soziales Umfeld nehmen, positiv wie negativ.
          Ja, damit fälle ich durchaus ein Urteil. Dieses ist jedoch erstmal nur in meinen Augen gültig und bezieht sich lediglich auf die Arbeitsfähigkeit des Körpers.
          Besser? 😛

          • Arbeit kostet nicht, Arbeit generiert Wohlstand. 😉

            Der Punkt bleibt: Du weist der Tatsache dieser Abweichungen vom „Normalzustand“ Relevanz zu, sobald du das Wort „Wrack“ benutzt. Damit ist es potentiell entwürdigend. Ganz unabhängig davon, ob es treffend ist oder nicht. Deshalb empfehle ich eine gewisse Behutsamkeit in der Wahl der eigenen Begrifflichkeiten. Kein Wort ist unschuldig. 😉

          • Deswegen hab ich ja bewusst erwähnt dass die Würde nicht davon abhängig ist, wie viel man zu leisten denn in der Lage ist^^
            Aber ich versteh natürlich was du meinst, das kommt auch häufiger vor – ich benutze einen Begriff, den jemand als diskriminierend empfindet und nimmt es mir übel, was ich oft nicht mitbekomme und mich frage was denn das Problem ist. Letztendlich lief es darauf hinaus dass ich mich kaum noch traue meine Meinung zu äußern, weil ich niemanden beleidigen will..^^
            Die Alternative ist, dass ich auf ähnlich lange Erläuterungen wie diese hier zurückgreife, was natürlich viel zu umständlich ist 😉

          • Es ist ja nicht so, dass ich auch geneigt bin, solche Menschen als Wrack zu bezeichnen. Man sollte sich eben nur bewusst sein, was man damit tut. Und dann ggf. den Konflikt suchen. Man kann nämlich trefflich dafür und dagegen streiten, ob eine Wortwahl angemessen ist oder nicht. Deshalb sollte man sich manchmal bewusst machen, was man da sagt. Deshalb habe ich mir ja auch den Spaß hier gegönnt.Bös gemeint war es nicht. Ich fand es spaßig. Ich hoffe, du auch. 🙂

          • Bis ich jemandem eine böse Absicht unterstelle, muss schon einiges passieren. 😉

    • Ich muss nicht erwähnen, dass ich einem im Heim lebenden Rentner natürlich nicht sage, dass er solange er lebt nur noch Geld kostet oder? Ich hoffe das ist deutlich geworden^^

  2. SenshiChii SenshiChii

    Halli Hallo,

    Ich habe für mich herausgefunden, dass ich mit einer neutralen Sichtweise besser fahre. Wer hat denn bestimmt was „gut“ und „böse“ bzw. „positiv“ und „negativ“ ist? Die Menschen. Sind Menschen fehlerfrei? Nein, beim besten Willen nicht. Ich auch nicht. Das weiß ich nur zu gut. Ob jemand meine Sichtweise toll oder nicht toll findet ist mir nicht so wichtig, weil ich meistens seine Sichtweise respektiere. Natürlich gibt es hier Ausnahmen wo ich sage geht gar nicht. Evtl. Ist die neutrale Sichtweise etwas für dich was du als „Experiment“ probieren könntest.

    • Was verstehst du denn unter der „neutralen Sichtweise“?
      Bestimmst du nicht selbst was in deinen Augen „gut“ und „böse“ bedeutet?

      • SenshiChii SenshiChii

        Da uns von Geburt an jeder und auch die Gesellschaft vorgibt was gut und böse ist glaube ich nicht unbedingt das jeder sich die Mühe macht sowas wichtiges für sich selbst zu entscheiden. Ich versuche es nicht als gut oder böse zu sehen. Nicht in dem Sinne wie es uns unsere Gesellschaft und andere Menschen, die es evtl nur gut mit uns meinten, vorgibt.

        • Das seh ich ähnlich – daher versuche ich mit diesem Blog unter anderem die Menschen dazu anzuregen mal ihr Recht auf eine eigene Meinung und Wertevorstellung wahrzunehmen 🙂

  3. SenshiChii SenshiChii

    Das finde ich gut 🙂 mach weiter so 😀

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