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Was zeichnet einen Gentleman aus?

Ich hatte nie vor, ein Gentleman zu werden. Weil das wieder einer dieser seltsamen Maßstäbe ist. Ich habe nie verstanden, warum primär der Mann sich in der Zuständigkeit oder Verantwortung dazu fühlen soll, der Frau Aufmerksamkeiten zu überreichen, ihr Türen aufzuhalten, sie zu umwerben, und ihr einfach grundsätzlich jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Zwar bekommt meine Frau immer mal wieder Aufmerksamkeiten wie Blumen, Bücher etc geschenkt, ich bringe ihr Tee oder was sie gerade braucht, aber nicht weil sie einfach eine Frau ist, sondern weil sie die Frau ist, die ich liebe. Anderen Menschen helfe ich auch gerne mal, wenn ich sehe, dass ich ihnen behilflich sein kann, aber da interessiert es mich nicht, ob ich einer Frau oder einem Mann helfe. Und meine Frau tut ihrerseits ja auch immer wieder Dinge für mich. Ist sie jetzt deswegen eine Gentlewoman? Den Begriff habe ich noch nie gehört, also gehe ich mal davon aus, dass dieser wohl nicht existiert.

Und da frage ich mich: Warum nicht? Warum ist nur der Begriff des Gentlemans entstanden? Warum ist die Frau damals nicht genauso auf die Idee gekommen, dem Mann eine Aufmerksamkeit zum ersten Date zu überreichen, wie etwa… Ja was weiß ich, was sie ihm hätte schenken können. Eine Hantel. Ist das der Knackpunkt? Dass es zumindest auf den ersten Blick nicht wirklich schöne kleine Aufmerksamkeiten gibt, welche die Frau dem Mann hätte überreichen können, weswegen diese Geste nur dem Mann vorbehalten blieb? Eine Rose ist ja einfach etwas Schönes zum Ansehen, und hat weiter keinen praktischen Nutzen. Und zugegeben fällt mir so ungefähr gar nichts ein, was eine schöne Einstiegsgeste dem Mann gegenüber wäre, denn zum Kennenlernen eignet sich ja nicht wirklich etwas, was dazu gedacht ist, benutzt zu werden. So ist zumindest mein Eindruck, denn einen Gebrauchsgegenstand zu schenken, suggeriert mir, dass sich Gedanken über die Freizeitgestaltung des anderen gemacht wurden, und dass man künftig nur zu gerne in dieser Freizeitgestaltung vorkommen würde. Und sollte es beim ersten Date nicht einfach nur um den Moment gehen, den anderen erleben, erfahren, ob das Miteinander auf dieser speziellen Ebene funktioniert, was man eben auch dann nicht weiß, wenn man sich gegebenenfalls schon länger kennt?

Vielleicht interpretiere ich auch wieder zu wild in der Gegend herum. Zum Einen macht das Spaß, einen Gedanken in alle möglichen Richtungen weiterzuspinnen, zum Anderen kann ich das aber auch nicht einfach abstellen, wenn es situationsbedingt gerade wichtiger ist, schnell zu agieren/reagieren, anstatt lange zu grübeln, was denn das Richtige wäre. Aber dieses Problem begleitet mich eigentlich schon, so lange ich denken kann, und mir hat sich noch keine Lösungsmöglichkeit aufgetan, mit der ich das in den Griff kriegen könnte.

  1. froileinfroh froileinfroh

    Ich schätze das kommt tatsächlich daher, dass Männer seit jeher das „starke Geschlecht“ sind und das „schwache Geschlecht“ schützen sollen. Klar ist der Gedanke veraltet, aber manchmal fühlt man sich denke ich trotzdem wohl in diesem alten Rollenbild – auf beiden Seiten. Ich genieße es, wenn mir mein Mann die Tür auf macht oder mir seine Jacke um die Schultern legt. Deswegen fühle ich mich nicht schwächer und er sich nicht ausgenutzt. Und klar kann ich die Tür auch alleine auf machen und ich halte sie jedem anderen natürlich auch auf, ebenso wie mein Mann, aber ich denke da kann man einen Unterschied zwischen Hilfsbereitschaft und „Gentleman sein“ machen. Ist sicher nicht leicht, weil der Unterschied zugegeben marginal ist, aber ich finde zum „Gentleman sein“ gehört ein spezielles Gefühl dazu, das irgendwie zwischen Mann und Frau entsteht wenn man sich mag. Und ich finde man sollte da auf keinen Fall versuchen etwas negatives drinnen zu sehen, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit würde vielen Männern gut zu Gesichte stehen, ich befürchte viele Gentlemen gibt es nämlich nicht mehr. Und das ist doch sehr schade.
    PS.: Ich finde übrigens „Gentleman sein“ hat nichts mit materiellen Dingen zu tun. Also weder mit der Rose zum 1. Date noch mit dem Zahlen der Rechnung. Für mich sind das wirklich nur die kleinen Aufmerksamkeiten, die zeigen: ich bin für dich da, ich beschütze dich, du kannst dich bei mir anlehnen. Alles andere ist nett, aber meiner bescheidenen Meinung nach ein Zusatz.

    • keinmenschenfeind keinmenschenfeind

      Danke für deinen Kommentar! Ich fühle mich natürlich auch wohl, wenn ich ihr vermitteln kann, dass ich immer für sie da bin, und dass ich sie unterstütze, wo es nur geht. Da sie das bei mir ebenso tut, hat sie doch aber auch den Titel „Gentlewoman“ verdient, oder nicht? 😁

      • froileinfroh froileinfroh

        Klar, wieso nicht? 😉 Ich schätze bei Frauen ist das dann „historisch“ mehr so das fürsorgliche, „mütterliche“ während der „Gentleman“ eben eher die Tür aufhält. Aber wie schon gesagt ist das ja eh alles schwer veraltet, wenn du also lieber den Tee ans Bett bringst und sie die Tür auf hält bist eben du der Fürsorgliche und sie die Gentlewoman. Vielleicht wirds ja auch einfach Zeit diesen Begriff einzuführen 😉

        • keinmenschenfeind keinmenschenfeind

          Eigentlich ist das schon längst überfällig. 😁

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