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Wer denkt sich Traditionen aus?

Nein, heute kein Vorwort.

Sie sind so…seltsam. Irgendjemand hat irgendwann damit angefangen und aus irgendeinem Grund dachten die Menschen: Das ist geil, das machen wir weiter. Leider vergessen sie häufig, den Grund ebenfalls an die nächste Generation weiterzugeben. Manchmal ist er zwar offensichtlich, wie an Weihnachten. Klar, Jesus hat Geburtstag, das will man feiern. Auch das kann ich aber nur bedingt nachvollziehen. Nicht, dass man das zelebrieren will. Das ist toll, mach‘ ich auch. Aber warum sollte ich mich nur an Weihnachten darüber freuen, dass Jesus geboren ist? Warum sollte ich mich nur an dem Geburtstag meiner besten Freundin darüber freuen, dass sie geboren ist? Warum sollte ich an Muttertag dankbarer als sonst dafür sein, dass ich eine wundervolle Mutter habe?

…Während des Schreibens kommt mir eine mögliche Antwort in den Sinn. Heutzutage scheint man durch den Alltag und durch den offenbar herrschenden Online-Zwang so sehr eingespannt zu sein, dass man „keine Zeit“ hat, sich über derlei Dinge zu freuen. Also bestimmt man einen thematisch passenden Zeitpunkt (Tag) innerhalb eines Zyklus (Jahr), der speziell dafür freigehalten wird. So weit der Grundgedanke. Find‘ ich auch gut, ergibt ja Sinn. Problematisch wird es, wenn aus diesem Privileg, sich freuen und dankbar sein zu dürfen, allmählich eine Pflicht wird. Zwar wird diese nicht laut ausgesprochen, allerdings ist es Standard, dass man zum Geburtstag gratuliert und abhängig von der Intensivität des Verhältnisses ggf. auch etwas schenkt. Vergisst man es, verstößt man gegen den Standard. Das Geburtstagskind ist vielleicht sogar enttäuscht. Oder wenn das Geschenk nicht gefällt. Was für mich übrigens der ausschlaggebende Punkt ist, warum ich Geburtstage nicht grandios finde, sondern nur ganz nett. Denn ich vergesse Geburtstage öfters mal. Zwar denke ich hin und wieder daran, einen in den Kalender einzutragen, zufrieden bin ich mit dieser Lösung aber nicht wirklich. Mir gefällt der Gedanke nicht, jemandem nur zu gratulieren, weil das unter „Eier und Milch kaufen“ auf meiner To-Do-Liste steht. Nein, ich habe keine To-Do-Liste. Das war nur eine Metapher. Ich brauche keine, ich sehe ja im Kühlschrank, ob ich nachfüllen muss. Und die Eier haben sich noch nie darüber beschwert, dass ich den Nachschub ja nur deswegen kaufe, weil ich sehe, dass er gekauft werden muss. Menschen bewegen sich da auf einer anderen Ebene. Je nach Mensch hast du mit etwas Pech verkackt, wenn du den zugehörigen Geburtstag vergisst. Was bestimmt so nicht im Sinne des Erfinders war…

Anders Beispiel: Silvester. Uhh wir müssen jetzt feiern, weil die Erde komplett die Sonne umrundet hat. Zum x-ten Mal. Und zusätzlich zu dem eigentlich unnötigen Kram, der für uns zum Feiern gehört, müssen wir stundenlang Raketen in den Himmel schießen und Böller unter Autos werfen. Ist doch egal, dass es einen Scheißkrach macht und die Straßen noch tagelang zugemüllt sind…. Ich denke, mein Unverständnis ist deutlich geworden. Natürlich sind das eher harmlose Traditionen, es gibt noch weitaus schlimmere. Das ist hier aber nebensächlich. Im Mittelpunkt sollte eher die Notwendigkeit von Traditionen stehen. Denn ich sehe sie leider nicht. Was denkst du denn dazu?

  1. Knapp geantwortet: Rituale geben den Menschen Sicherheit. Silvester muss also. Und das meiste andere auch.

    • Und wenn ich diese Rituale nicht brauche weil ich meine Sicherheit vielleicht woanders hernehme, bin ich automatisch gegen das System?

      • Achwas, aber lass sie den anderen, die sie brauchen. Etwas nicht mitzumachen, heißt nicht automatisch, dagegen zu sein. Man kann auch einfach lassen. Menschen sein lassen zum Beispiel.

        • Ich lass jedem sein Ritual. Hab nur gelegentlich den Eindruck, dass ich das Bild zu vermitteln scheine,ich hätte was gegen irgendwen – oder irgendein Ritual. Nur weil ich mich nicht so euphorisch darauf freue wie andere 😀
          Und dann fehlt mir die Kompetenz, angemessen zu reagieren^^

  2. Man unterschätze nicht die Wichtigkeit von Gewohnheiten, zu denen auch solche Feiertage gehören. Ob es nun Geburtstage sind oder Silvester, es kann auch der Tag sein, an dem man sich das erste Mal selbst ein Paar Hosen gekauft hat. Feiertage sind zum Einen eine Einladung, den Alltag zu verlassen und sich Zeit zu nehmen, nachzudenken. Das mit der Zeit war schon immer ein Problem, egal ob damals oder heute.
    Feiertage konstitutieren aber auch Gemeinschaft: Indem wir alle den Tag begehen, vergewissern wir uns, dass wir nicht allein auf der Welt sind, sondern zu einer Gruppe gehören. Und wer zu der Gruppe gehört, macht sich kenntlich, indem er den Feiertag gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Gruppe begeht. Gleich, ob es ein Vereinsjubiläum, ein Geburtstag oder ein religiöser Feiertag ist. Genau genommen erfüllt auch der Sonntag mit seinem Kirchgang schon diese Funktion.
    Ergibt sich daraus ein Zwang, den Feiertag zu begehen? Nein. Aber man sollte sich bewusst machen, dass man sich damit absichtlich abseits stellt. Vor Allem, wenn die Gruppe es einem leicht macht, sich zugehörig zu fühlen. Das St.-Martin-Fest wurde im Zuge der Reformation häufig zum Martin-Luther-Tag umgedeutet, heute ist es vielerorts als „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ (obwohl es vielerorts noch den Martin gibt) ein Festtag des Teilens. Ich finde das spannend, wie beharrlich solche Tage sind und wie sinnstiftend sie sind, obwohl sie ihren ursprünglichen Sinn beinahe vergessen haben (das schönste Beispiel dafür ist sicherlich Vatertag, der mal Christi Himmelfahrt war.)

    • Ich sag ja nicht, dass ich keine Freude daran habe, diverse Umstände zu feiern. Grenze mich da auch nicht sofort aus – entscheide aber eher ungern über den Kopf der Hauptperson der Feierlichkeit hinweg, dass ich anwesend sein werde. Und dann der Gedanke, ich muss etwas schenken -kann ja nicht mit leeren Händen kommen. Ich schenke lieber etwas, wenn ich auch tatsächlich etwas passendes finde und nicht, wenn ich unter einem Anflug von Druck etwas ausgewählt habe. Dann kommt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Die ist für mich nicht automatisch durch die Anwesenheit gegeben, sondern durch die hoffentlich herrschende Harmonie zwischen mir und dem Umfeld. Ohne diese fühle ich mich nicht zugehörig, da kann es noch so feierlich sein 😀

      • In dem Fall empfehle ich: Darüber reden. Das löst die meisten Probleme. 🙂

  3. Rituale sprechen ohne viele Worte für sich und bringen Gefühle zum Ausdruck , die mit Worten schwer auszudrücken sind. Wir Menschen brauchen Rituale! Sie geben unserem Leben Struktur, und wenn es nur der morgendliche Kaffe ist.

    • Soweit stimme ich dir zu. Allerdings finde ich es übertrieben, in eventuelle Abweichungen vom Ritual zu viel reinzuinterpretieren. Jemand, der jeden Morgen Kaffee trinkt, braucht sich nichts dabei denken, wenn ich nicht ebenfalls jeden Morgen Kaffee trinke. Simples Beispiel, das Prinzip ist aber immer das gleiche. ?

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